Warum jetzt fast jeder seine eigene Software bauen kann
Aktualisiert: 12. Aug.
Vibe Coding ist einfacher, als viele denken. Die eigentliche Veränderung reicht allerdings weit über einen neuen KI-Trend hinaus.
Softwareentwicklung gehörte lange zu den Tätigkeiten, bei denen die Grenze zwischen Fachmann und Laie ziemlich eindeutig verlief. Wer eine Anwendung bauen wollte, musste programmieren können oder jemanden dafür bezahlen. Zwischen einer guten Idee und funktionierender Software lagen Programmiersprachen, Entwicklungsumgebungen, Datenbanken, Schnittstellen und eine ganze Welt technischen Wissens.
Diese Grenze wird gerade durchlässiger.
Nicht deshalb, weil Software plötzlich einfach geworden wäre oder Künstliche Intelligenz aus jedem Menschen einen Softwareentwickler macht. Vielmehr verändert sich die Art, wie Menschen einem Computer mitteilen, was er tun soll. Statt jede technische Anweisung selbst formulieren zu müssen, können sie zunehmend beschreiben, welches Ergebnis sie erreichen wollen.
Moderne KI-Coding-Systeme übersetzen solche Beschreibungen in Programmcode. Sie können bestehende Projekte analysieren, Dateien verändern, Funktionen ergänzen, Fehler suchen und Tests durchführen. OpenAI beschreibt Codex inzwischen als System, das Änderungen planen, Code schreiben, Tests ausführen und Pull Requests für die menschliche Überprüfung vorbereiten kann. Anthropic beschreibt Claude Code als agentisches Coding-System, das Codebasen liest, Änderungen über mehrere Dateien hinweg vornimmt und Tests ausführt.
Für die Softwareentwicklung ist das mehr als eine Produktivitätssteigerung. Es verändert die Schnittstelle zwischen einer menschlichen Idee und ihrer technischen Umsetzung.
Seit 2025 hat sich dafür ein Begriff verbreitet: Vibe Coding.
Der Name klingt zunächst nach Silicon-Valley-Slang. Die Entwicklung dahinter sollte man trotzdem ernst nehmen. Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen stellt sie eine Frage neu, deren Antwort lange ziemlich eindeutig schien: Wer kann eigentlich Software entwickeln?
Heute lautet die Antwort: deutlich mehr Menschen als noch vor wenigen Jahren. Das heißt nicht, dass nun jeder professionelle Software entwickeln kann. Zwischen einer Anwendung, die funktioniert, und einem sicheren, wartbaren und geschäftskritischen Softwaresystem liegt weiterhin ein erheblicher Unterschied. Genau diese Unterscheidung ist wichtig, wenn man verstehen will, weshalb Vibe Coding gleichzeitig überschätzt und unterschätzt wird.
Was Vibe Coding eigentlich ist
Der Begriff wurde im Februar 2025 durch Andrej Karpathy populär, KI-Forscher, ehemaliger Leiter der KI bei Tesla und eines der Gründungsmitglieder von OpenAI. OpenAI führte Karpathy bereits bei seiner Gründung 2015 als „founding member“.
Karpathys ursprüngliche Beschreibung von Vibe Coding war radikaler als vieles, was heute unter diesem Begriff vermarktet wird. Gemeint war eine Arbeitsweise, bei der man einem KI-System beschreibt, was man haben möchte, die generierten Änderungen weitgehend akzeptiert, Fehler wieder an das Modell zurückgibt und sich immer weniger intensiv mit dem zugrunde liegenden Code beschäftigt.
Heute wird dagegen fast jede Form KI-gestützter Programmierung als Vibe Coding bezeichnet. Fachlich ist das zu ungenau.
Wer mit einem KI-Coding-Agenten arbeitet, Anforderungen strukturiert, Architekturentscheidungen bewusst trifft, Änderungen kontrolliert und den erzeugten Code überprüft, betreibt KI-gestützte oder agentische Softwareentwicklung. Das entspricht nicht zwangsläufig Karpathys ursprünglichem Verständnis von Vibe Coding.
Für Unternehmen ist deshalb eine begriffliche Trennung sinnvoll. Vibe Coding beschreibt vor allem einen niedrigschwelligen und stark dialogorientierten Zugang zur Softwareerstellung. Professionelles agentisches Software Engineering beginnt dort, wo Architektur, Tests, Kontrolle, Sicherheit und reproduzierbare Entwicklungsprozesse hinzukommen.
Das mag zunächst nach Wortklauberei klingen. In der Praxis macht es jedoch einen erheblichen Unterschied, ob wir über einen schnell entwickelten Prototypen oder über belastbare Unternehmenssoftware sprechen. Der Mensch beschreibt stärker das Was, die Maschine übernimmt mehr vom Wie
Um die Tragweite dieser Entwicklung zu verstehen, lohnt ein Blick darauf, was Programmieren traditionell bedeutet. Ein Geschäftsführer kann beispielsweise sehr genau wissen, welche Software seinem Unternehmen fehlt. Vielleicht möchte er eine Anwendung, die offene Angebote zusammenführt, Vorgänge ohne aktuelle Aktivität erkennt und dem Vertrieb zeigt, bei welchen Kunden eine Rückmeldung aussteht.
Für einen Menschen ist diese Anforderung verständlich. Für einen Computer war sie bislang nahezu bedeutungslos. Jemand musste daraus eine technische Struktur entwickeln. Welche Daten werden gespeichert? Welche Datenbank wird verwendet? Wie sieht die Benutzeroberfläche aus? Wie wird ein Angebot einem Mitarbeiter zugeordnet? Wie berechnet das System die Tage seit der letzten Aktivität? Welche Benutzer dürfen welche Informationen sehen? Wie kommuniziert die Anwendung mit anderen Systemen?
Die Geschäftsidee musste Schritt für Schritt in technische Anweisungen übersetzt werden. Programmiersprachen bildeten über Jahrzehnte eine wesentliche Ebene dieser Übersetzung. Generative KI schiebt sich nun zwischen menschliche Absicht und technischen Code.
Ein Geschäftsführer oder Fachmitarbeiter kann einem System beispielsweise sagen:
„Erstelle mir eine interne Anwendung, die unsere offenen Angebote darstellt. Zeige das gesamte Angebotsvolumen und markiere alle Vorgänge, bei denen seit sieben Tagen keine Aktivität stattgefunden hat.“
Das KI-System kann daraus eine erste technische Umsetzung erzeugen.
Danach entwickelt sich die Anwendung im Dialog weiter.
„Ergänze einen Filter nach Vertriebsmitarbeiter.“
„Zeige mir beim Klick auf ein Angebot die bisherigen Aktivitäten.“
„Die drei wichtigsten Kennzahlen sollen oben auf der Seite stehen.“
„Auf dem Smartphone soll die Tabelle durch Karten ersetzt werden.“
Jede dieser Anweisungen kann weitere technische Änderungen auslösen. Der Anwender muss nicht unbedingt wissen, welche Dateien dabei bearbeitet, welche Komponenten erzeugt oder welche Funktionen verändert werden. Er beschreibt in erster Linie das gewünschte Ergebnis. Genau darin liegt die eigentliche Verschiebung. Natürliche Sprache wird zu einer Steuerungsebene für Software
Der Fortschritt besteht nicht nur darin, dass KI besseren Programmcode schreiben kann. Bedeutender ist, dass natürliche Sprache zunehmend zu einer Steuerungsebene der Softwareentwicklung wird. Das bedeutet nicht, dass natürliche Sprache Programmiersprachen vollständig ersetzt. Unter der Oberfläche existieren weiterhin Code, Datenbanken, Frameworks, Schnittstellen und technische Infrastruktur. Der Anwender muss mit diesen Ebenen jedoch nicht mehr in jedem Fall unmittelbar interagieren.
Ähnliche Entwicklungen gab es in der Computergeschichte immer wieder. Menschen mussten früher technische Details verstehen, die später durch höhere Abstraktionsebenen verborgen wurden. Heute muss niemand die Funktionsweise eines Dateisystems kennen, um ein Dokument zu speichern. Ebenso wenig braucht man HTML-Kenntnisse, um mit einem modernen Content-Management-System eine Internetseite zu pflegen.
KI schafft eine weitere Abstraktionsschicht. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass diese Schicht nicht nur Menüs und vorgegebene Funktionen bereitstellt. Sie kann interpretieren, was ein Mensch erreichen möchte, und daraus neue technische Strukturen erzeugen. Warum das gerade für Nicht-Programmierer interessant ist
Wer schon einmal versucht hat, Programmieren zu lernen, kennt das Problem: Die eigentliche Geschäftsidee tritt am Anfang oft weit in den Hintergrund. Bevor die erste Anwendung funktioniert, muss man verstehen, welche Programmiersprache geeignet ist, wie eine Entwicklungsumgebung eingerichtet wird, was ein Framework macht, wie Abhängigkeiten installiert werden, wie Daten gespeichert werden und weshalb eine Fehlermeldung erscheint, die auf den ersten Blick überhaupt nichts mit dem eigenen Problem zu tun hat.
Für Entwickler gehört das zum Handwerk. Für einen Vertriebsleiter, eine Controllerin oder einen Produktionsleiter kann diese Einstiegshürde so hoch sein, dass die eigentliche Idee nie umgesetzt wird. KI beseitigt diese Komplexität nicht. Sie kann jedoch einen beträchtlichen Teil davon verdecken oder selbst bearbeiten.
Anthropic positioniert Claude Code inzwischen ausdrücklich auch als möglichen Zugang zur Softwareentwicklung für Menschen ohne klassischen Engineering-Hintergrund. Das ist eine Herstellerposition und kein unabhängiger Nachweis dafür, dass Menschen ohne technische Erfahrung nun automatisch belastbare Software entwickeln können. Interessant ist die Aussage trotzdem, weil sie zeigt, wohin sich die Produktschnittstellen bewegen: weg von der reinen Codevervollständigung und hin zur Bearbeitung kompletter Aufgaben.
Damit verändert sich auch, welches Wissen besonders wertvoll wird. Ein Vertriebsleiter weiß möglicherweise nicht, wie eine relationale Datenbank aufgebaut ist. Dafür weiß er sehr genau, welche Informationen seine Mitarbeiter benötigen, bevor sie mit einem Kunden sprechen. Eine Controllerin kann vielleicht keine Webanwendung programmieren. Sie kennt aber die Schwachstellen des monatlichen Reportingprozesses. Ein Produktionsleiter beherrscht möglicherweise kein JavaScript. Dafür weiß er, an welcher Stelle im Fertigungsprozess Informationen verloren gehen oder doppelt erfasst werden.
Dieses Fachwissen war schon immer vorhanden. Neu ist, dass es sich mit KI wesentlich direkter in einen funktionierenden digitalen Prototyp übersetzen lässt.
Ein typisches Beispiel aus dem Mittelstand
Stellen wir uns einen mittelständischen Maschinenbauer vor. Jeden Montag erstellt ein Mitarbeiter für die Geschäftsführung eine Übersicht der offenen Angebote. Dafür exportiert er Daten aus dem CRM, überträgt bestimmte Werte nach Excel, ergänzt Informationen aus einer weiteren Liste und markiert anschließend Vorgänge, bei denen seit längerer Zeit keine Aktivität mehr stattgefunden hat.
Der Prozess ist lästig, aber nicht spektakulär. Genau deshalb wurde vermutlich nie eine eigene Anwendung dafür entwickelt.
Ein klassisches Individualsoftwareprojekt wäre zu aufwendig gewesen. Das Problem war zu klein, um ein Entwicklungsbudget zu rechtfertigen, gleichzeitig aber groß genug, um jede Woche Arbeitszeit zu verbrauchen.
Solche Situationen sind in mittelständischen Unternehmen verbreitet. Mit KI-gestützter Entwicklung verändert sich ihre wirtschaftliche Bewertung.
Ein Mitarbeiter könnte einem Coding-System zunächst erklären, dass es eine kleine interne Anwendung erstellen soll. Eine Excel-Datei soll hochgeladen werden können. Offene Angebote sollen dargestellt, Gesamtvolumen und durchschnittliche Angebotshöhe berechnet und Vorgänge ohne Aktivität seit mehr als sieben Tagen hervorgehoben werden.
Dann wird die erste Version ausprobiert.
Vielleicht fehlt ein Filter nach Vertriebsmitarbeiter. Er wird ergänzt. Anschließend möchte die Geschäftsführung die Entwicklung nach Monaten sehen. Danach soll sich die Ansicht exportieren lassen.
Aus einer Beschreibung entsteht schrittweise Software.
Entscheidend ist dabei nicht, dass die erste Version perfekt wäre. Das wird sie in vielen Fällen nicht sein. Interessanter ist, dass eine Fachabteilung heute mit Lösungen experimentieren kann, für die früher möglicherweise überhaupt kein Softwareprojekt gestartet worden wäre.
Software für Probleme, die bisher zu klein für Software waren
In der Diskussion über KI und Programmierung geht es häufig um die Produktivität bestehender Entwickler. Das ist relevant, möglicherweise aber nur ein Teil des wirtschaftlichen Effekts. Mindestens ebenso interessant ist die Frage, ob durch sinkende Entwicklungshürden eine neue Kategorie von Software entsteht: Anwendungen für Probleme, für die früher schlicht niemand Software gebaut hätte.
Zwischen Standardsoftware und klassischer Individualentwicklung existiert in Unternehmen ein großer Bereich kleiner und sehr spezifischer Anforderungen.
Da ist die Excel-Datei, die seit acht Jahren weitergereicht wird. Das Formular, dessen Informationen anschließend manuell in drei Systeme übertragen werden. Die Projektübersicht, die jeden Freitag aus mehreren Datenquellen zusammengestellt wird.
Oder eine interne Kalkulation, die nur zwei Menschen vollständig verstehen.
Für ein ERP-Projekt sind solche Probleme zu klein. Für Standardsoftware sind sie oft zu speziell. Für klassische Individualentwicklung war der Aufwand bislang häufig zu groß.
KI könnte genau diese Lücke verkleinern. Man könnte von individueller Mikrosoftware sprechen: kleinen, eng zugeschnittenen Anwendungen für konkrete betriebliche Probleme.
Die Chance liegt darin, wirtschaftlich sinnvolle Digitalisierung auch dort zu ermöglichen, wo ein klassisches Softwareprojekt bisher unverhältnismäßig gewesen wäre.
Die Forschung zeigt Chancen und Grenzen
Erste empirische Untersuchungen zeichnen ein differenziertes Bild.
Eine wissenschaftliche Untersuchung von Sarkar und Drosos aus dem Jahr 2025 beschäftigt sich mit Programmierung im Dialog mit Künstlicher Intelligenz. Die Ergebnisse sprechen nicht dafür, dass Expertise bedeutungslos wird. Vielmehr verschiebt sie sich. Menschen müssen weniger technische Details selbst erzeugen, dafür aber Ergebnisse bewerten, Kontext liefern und Entscheidungen darüber treffen, was übernommen, korrigiert oder manuell verändert werden sollte.
Eine weitere qualitative Untersuchung aus dem Jahr 2025 beschreibt Chancen für schnelles Experimentieren, zugleich aber wiederkehrende Schwierigkeiten bei Zuverlässigkeit, Debugging, Spezifikation, Code-Review und Zusammenarbeit.
Besonders interessant für die Frage nach Nicht-Programmierern ist eine Untersuchung eines Vibe-Coding-Hackathons mit 31 Studierenden aus technischen und nichttechnischen Disziplinen. Die Teilnehmer konnten innerhalb des kurzen Formats funktionierende Demonstrationen entwickeln. Gleichzeitig beobachteten die Autoren Schwankungen bei der Codequalität und eine begrenzte Beschäftigung mit klassischen Software-Engineering-Praktiken.
Das Muster dahinter ist bemerkenswert: Die Hürde, Software zu erzeugen, sinkt. Die Hürde, Software professionell zu beurteilen und zu verantworten, sinkt nicht im gleichen Maß.
Funktionierender Code ist noch kein gutes Softwaresystem
Eine Anwendung kann auf dem Bildschirm funktionieren und trotzdem erhebliche technische Schwächen besitzen.
Ein Login kann funktionieren und dennoch unsicher implementiert sein. Ein Dashboard kann mit sauberen Testdaten richtige Zahlen anzeigen, bei bestimmten Eingaben aber falsche Ergebnisse liefern. Eine Datenbank kann heute ausreichen und in einem Jahr zum Engpass werden. Eine Anwendung kann von fünf Mitarbeitern problemlos genutzt werden und bei 500 Nutzern scheitern.
„Es funktioniert doch“ ist deshalb bei KI-generierter Software ebenso wenig ein Qualitätsnachweis wie bei klassisch entwickelter Software.
Die Stack Overflow Developer Survey 2025 zeigt diese Ambivalenz deutlich. 84 Prozent der Befragten gaben an, KI-Werkzeuge in ihrem Entwicklungsprozess bereits einzusetzen oder ihren Einsatz zu planen. Gleichzeitig vertrauten nur 33 Prozent der Genauigkeit von KI-Ausgaben, während 46 Prozent ihnen eher misstrauten. Lediglich drei Prozent gaben an, den Ergebnissen stark zu vertrauen.
Auch die genannten Frustrationen sind aufschlussreich. 66 Prozent der Befragten berichteten von KI-Lösungen, die beinahe richtig, aber eben nicht vollständig richtig seien. 45 Prozent nannten als Problem, dass das Debugging von KI-generiertem Code zeitaufwendiger sein könne.
Beim Begriff Vibe Coding selbst zeigt sich ebenfalls Zurückhaltung. 72 Prozent der Befragten der entsprechenden Stack-Overflow-Frage gaben an, dass Vibe Coding nicht Teil ihrer professionellen Entwicklungsarbeit sei. Weitere fünf Prozent lehnten diese Einordnung besonders deutlich ab.
Diese Zahlen sprechen nicht gegen KI-gestützte Softwareentwicklung. Sie zeigen vielmehr, wie groß der Abstand zwischen schnellem Erzeugen von Software und professioneller Softwareentwicklung weiterhin sein kann.
Aus Vibe Coding wird agentisches Software Engineering
Gleichzeitig entwickelt sich die Technologie weiter. Der nächste Schritt besteht nicht einfach darin, dass ein Chatbot bessere Codeblöcke formuliert. Coding-Agenten übernehmen zunehmend ganze Arbeitspakete. OpenAI beschreibt Codex als Agenten, der von einem Problem bis zu getestetem und für ein Review vorbereitetem Code arbeiten kann. Dazu gehören Fehlerbehebungen, Tests, Refactorings und Migrationen.
Im Februar 2026 veröffentlichte OpenAI außerdem einen internen Erfahrungsbericht über den Bau einer Beta-Anwendung, bei der nach Angaben des Unternehmens keine Codezeile manuell geschrieben wurde. Die interessante Erkenntnis dieses Berichts ist jedoch nicht, dass menschliche Arbeit verschwunden wäre. Die beteiligten Menschen mussten Umgebungen gestalten, Absichten spezifizieren und Feedbackschleifen schaffen, innerhalb derer die Agenten zuverlässig arbeiten konnten.
Da es sich um einen Herstellerbericht handelt, sollten die genannten Produktivitätsangaben nicht als unabhängiger Branchenbenchmark verstanden werden. Die beschriebene Veränderung der Arbeitsweise ist dennoch aufschlussreich.
Eine Untersuchung von Anthropic vom 16. Juni 2026 analysierte datenschutzwahrend rund 400.000 Claude-Code-Sitzungen aus dem Zeitraum Oktober 2025 bis April 2026. In einer typischen Sitzung trafen Menschen den größeren Teil der Planungsentscheidungen, also der Entscheidungen darüber, was getan werden sollte. Claude übernahm dagegen einen größeren Anteil der Ausführungsentscheidungen, also des technischen Wie.
Gleichzeitig zeigte die Untersuchung weiterhin Vorteile durch vorhandene Fachexpertise. Auch hier muss berücksichtigt werden, dass Anthropic sein eigenes System untersucht hat. Trotz dieser Einschränkungen ergibt sich aus mehreren Quellen ein ähnliches Muster: Menschliche Arbeit verschwindet nicht. Sie verändert ihren Schwerpunkt.
Vom Coder zum Auftraggeber, Architekten und Prüfer
Wenn KI einen wachsenden Teil der technischen Umsetzung übernimmt, wird die Fähigkeit wichtiger, ein Problem präzise zu beschreiben. Noch wichtiger ist allerdings etwas anderes. Unternehmen haben wenig gewonnen, wenn ein Mitarbeiter einen hervorragenden Prompt für einen schlecht verstandenen Prozess formuliert.
Entscheidend ist, ob jemand beantworten kann, was das System tatsächlich tun soll, welche Daten benötigt werden, welche Regeln gelten, welche Ausnahmen auftreten können, wer welche Informationen sehen darf, was bei Fehlern geschieht und woran sich erkennen lässt, dass das Ergebnis korrekt ist. Das sind keine reinen Prompt-Fragen. Es sind Architekturfragen.
Gerade deshalb könnte die zunehmende Leistungsfähigkeit von Coding-Agenten die Bedeutung guten Architekturdenkens erhöhen. Wenn die technische Umsetzung günstiger und schneller wird, können schlechte Entscheidungen darüber, was überhaupt umgesetzt wird, umso teurer werden. Für Unternehmen beginnt an dieser Stelle die eigentliche Managementfrage.
Wenn Fachabteilungen selbst Software entwickeln
Wer Vibe Coding lediglich als neues Werkzeug für Programmierer betrachtet, unterschätzt die mögliche organisatorische Wirkung. Wenn Fachabteilungen selbst kleine Anwendungen entwickeln können, verändert sich die Verteilung digitaler Gestaltungskompetenz im Unternehmen.
Ein Vertriebsleiter kann einen Prototyp für ein neues Vertriebswerkzeug entwickeln. Eine Controllerin kann eine interne Analyseanwendung bauen. Eine Assistenz kann einen kleinen Informationsprozess digitalisieren. Ein Produktionsverantwortlicher kann ein Werkzeug für einen sehr speziellen Ablauf ausprobieren.
Software kann damit stärker dort entstehen, wo das Problem verstanden wird, und nicht ausschließlich dort, wo Programmierer verfügbar sind.
Für mittelständische Unternehmen ist das besonders interessant. Viele ihrer Prozesse sind individuell. Sie sind selten so groß wie globale Konzerne, ihre Abläufe aber häufig komplexer als die Standardprozesse eines Softwarekatalogs. Die Möglichkeit, schnell kleine individuelle Lösungen zu erzeugen, schafft deshalb neuen Handlungsspielraum. Gleichzeitig entsteht neue Verantwortung.
Die nächste Schatten-IT könnte aus KI-generierten Apps bestehen
Wenn es einfacher wird, Software zu erzeugen, wird voraussichtlich auch mehr Software erzeugt. Was zunächst positiv klingt, kann aus Sicht der Unternehmensarchitektur zum Problem werden.
Ein Mitarbeiter baut eine Anwendung zunächst nur für sich selbst. Zwei Wochen später nutzt sie die gesamte Abteilung. Danach werden Kundendaten integriert. Ein halbes Jahr später hängt ein wichtiger Geschäftsprozess davon ab. Aus einem Experiment ist unbemerkt Infrastruktur geworden.
Unternehmen kennen dieses Muster bereits von Excel-Dateien, Access-Datenbanken und individuell eingerichteten SaaS-Werkzeugen. KI kann diese Entwicklung erheblich beschleunigen.
Deshalb wäre es falsch, Vibe Coding entweder pauschal zu verbieten oder vollkommen unkontrolliert freizugeben. Unternehmen benötigen eine nachvollziehbare Risikologik.
Eine persönliche Kalkulationsanwendung ohne sensible Daten ist etwas anderes als eine Anwendung mit Kundendaten. Ein Prototyp für drei Mitarbeiter ist anders zu bewerten als ein System, das einen geschäftskritischen Prozess steuert. Eine interne Visualisierung benötigt andere Kontrollen als Software mit externen Nutzern, personenbezogenen Informationen oder finanziellen Transaktionen.
Auch die professionellen Anbieter arbeiten deshalb mit Kontrollmechanismen. OpenAI beschreibt für den Einsatz von Codex unter anderem technische Grenzen, Freigabemechanismen, Zugriffskontrolle und Telemetrie. Bei Codex Security werden potenzielle Schwachstellen nicht nur identifiziert, sondern in isolierten Umgebungen validiert und vorgeschlagene Änderungen anschließend zur menschlichen Prüfung bereitgestellt.
Das zeigt, worauf es bei zunehmender Agentik ankommt: Governance darf nicht erst nachträglich hinzugefügt werden. Sie muss Teil der Architektur sein.
Was bedeutet das für Geschäftsführer?
Die Konsequenz für Geschäftsführer lautet nicht, jetzt selbst programmieren zu lernen. Ebenso wenig wäre es sinnvoll, jedem Mitarbeiter morgen einen Coding-Agenten freizuschalten und einfach abzuwarten, was passiert. Interessanter ist eine andere Perspektive. Die ökonomische Grenze dessen, was sich zu digitalisieren lohnt, verschiebt sich.
Bei einem Softwareproblem gab es bisher häufig zwei grundlegende Möglichkeiten. Das Unternehmen konnte eine vorhandene Lösung kaufen oder eine individuelle Anwendung entwickeln lassen. War beides gemessen am Problem zu teuer, blieb häufig ein manueller Prozess, eine Excel-Tabelle oder eine Kombination verschiedener Werkzeuge.
Nun kommt eine dritte Möglichkeit hinzu. Ein Mitarbeiter oder ein kleines Team kann mit KI zunächst selbst einen Prototyp entwickeln.
Damit lässt sich früh überprüfen, ob eine Idee überhaupt funktioniert. Fachabteilungen können Anforderungen anhand eines laufenden Systems konkretisieren, statt monatelang abstrakt darüber zu diskutieren. Kleine Probleme können wirtschaftlich interessant werden, obwohl sie für ein traditionelles IT-Projekt zu unbedeutend waren.
Für die Geschäftsführung entsteht daraus eine neue Aufgabe. Sie muss nicht jede einzelne Anwendung zentral entwickeln lassen. Sie muss jedoch festlegen, in welchem Rahmen dezentrale Entwicklung stattfinden darf. Neben den bekannten Fragen „Welche Software sollen wir kaufen?“ und „Welche Software müssen wir entwickeln lassen?“ kommt deshalb eine weitere hinzu:
Welche Software können unsere Mitarbeiter mit KI selbst entwickeln, und ab welchem Punkt muss daraus ein professionell verantwortetes System werden?
An dieser Grenze entscheidet sich, ob Vibe Coding im Unternehmen zu einem Produktivitätshebel oder zu einer neuen Form unkontrollierter Schatten-IT wird. Vibe Coding macht professionelle Softwareentwicklung nicht überflüssig. Es verbreitert den Zugang zu ihr.
Zwischen Euphorie und Ablehnung
Die öffentliche Debatte über neue Technologien neigt zu Extremen. Auf der einen Seite steht die Vorstellung, bald könne jeder alles programmieren und klassische Softwareentwickler würden überflüssig. Auf der anderen Seite wird Vibe Coding als Spielzeug abgetan, das zwar nette Prototypen hervorbringt, für ernsthafte Arbeit aber kaum Bedeutung habe.
Beide Sichtweisen greifen zu kurz. Die bisherige empirische Forschung zeigt, dass KI-gestützte Entwicklung funktionierende Prototypen und neue Formen der Zusammenarbeit ermöglichen kann. Gleichzeitig bleiben Bewertung, Debugging, Kontextverständnis und fachliche Expertise wichtig.
Auch die Entwicklung aktueller Coding-Agenten zeigt, dass es längst nicht mehr nur um einzelne Codevorschläge geht. Systeme übernehmen zunehmend vollständige Arbeitsschritte innerhalb professioneller Entwicklungsprozesse. Die angemessene Schlussfolgerung lautet deshalb nicht, dass nun jeder Softwareentwickler sei.
Der entscheidende Punkt ist, dass deutlich mehr Menschen Zugang zur Softwareentwicklung bekommen. Wirtschaftlich könnte genau das die größere Veränderung sein.
Fazit: Die wertvollste Fähigkeit könnte künftig vor dem Code liegen
Vibe Coding lässt sich leicht als Modebegriff abtun. Die technische Entwicklung dahinter ist schwieriger zu ignorieren. Menschen können heute Software in einem Umfang erzeugen, für den sie vor wenigen Jahren wesentlich mehr technisches Wissen oder direkte Unterstützung durch Entwickler benötigt hätten. Natürliche Sprache entwickelt sich zu einer Schnittstelle, über die Menschen nicht nur Informationen abrufen, sondern digitale Systeme gestalten können.
Das verändert nicht nur das Programmieren. Es verändert auch, wer überhaupt an Softwareentwicklung teilnehmen kann. Ein Mensch mit tiefem Verständnis für einen Geschäftsprozess, aber ohne klassische Entwicklerausbildung, kann unter bestimmten Bedingungen einen funktionierenden Prototyp erstellen. Daraus folgt nicht, dass Architektur, Sicherheit oder professionelles Software Engineering an Bedeutung verlieren. Wahrscheinlich werden sie sogar wichtiger.
Je einfacher Software erzeugt werden kann, desto wichtiger wird die Fähigkeit, gute von schlechter Software zu unterscheiden, Risiken zu erkennen und technische Experimente rechtzeitig in professionell verantwortete Systeme zu überführen. Die zentrale Zukunftskompetenz besteht deshalb möglicherweise nicht darin, möglichst viel Code selbst schreiben zu können.
Wichtiger wird die Fähigkeit, ein Problem so gut zu verstehen, dass man einer Maschine erklären kann, welches System entstehen soll, und anschließend beurteilen kann, ob dieses System tatsächlich das Richtige tut.
Für Geschäftsführer ergibt sich daraus eine sehr praktische Frage:
Welche Probleme in unserem Unternehmen werden heute noch manuell gelöst, nur weil es sich bisher nicht gelohnt hat, dafür Software zu entwickeln? Genau dort lohnt es sich, Vibe Coding und KI-gestützte Softwareentwicklung genauer zu betrachten.
Möglicherweise erleben wir nicht das Ende des Programmierens, sondern den Beginn einer Zeit, in der deutlich mehr Menschen selbst Software bauen können.
FAQ
Was ist Vibe Coding?
Vibe Coding bezeichnet eine stark KI-gestützte Form der Softwareerstellung, bei der Anforderungen überwiegend in natürlicher Sprache formuliert und von einem KI-System in Code umgesetzt werden. Im ursprünglichen, von Andrej Karpathy 2025 popularisierten Verständnis gehört dazu auch, sich deutlich weniger intensiv mit dem erzeugten Code selbst zu beschäftigen. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff inzwischen häufig breiter für dialogorientierte KI-Softwareentwicklung verwendet.
Kann man heute Software bauen, ohne programmieren zu können?
Für bestimmte Anwendungen und insbesondere für Prototypen ist die Einstiegshürde deutlich gesunken. Untersuchungen mit Einsteigern zeigen, dass auch Menschen mit begrenzter Erfahrung mithilfe von KI funktionierende Demonstrationen erstellen können. Daraus folgt jedoch nicht, dass ohne Fachkenntnisse automatisch sichere oder produktionsreife Software entsteht.
Ist Vibe Coding dasselbe wie professionelles Software Engineering mit KI?
Nein. Vibe Coding beschreibt eher die niedrigschwellige und dialogorientierte Softwareerstellung. Professionelles KI-gestütztes beziehungsweise agentisches Software Engineering umfasst zusätzlich Architektur, Versionskontrolle, Tests, Code-Reviews, Sicherheit, dokumentierte Prozesse und einen geregelten Betrieb.
Werden Softwareentwickler dadurch überflüssig?
Die derzeitige Quellenlage rechtfertigt diese Aussage nicht. Empirische Arbeiten deuten eher darauf hin, dass sich Expertise verschiebt: weg von einem Teil der manuellen Codeerzeugung und stärker hin zu Kontextsteuerung, Bewertung, Architektur, Debugging und Kontrolle.
Wo ist Vibe Coding für Unternehmen besonders interessant?
Besonders interessant ist es bei kleinen, klar abgegrenzten Anwendungen, Prototypen und internen Werkzeugen, deren klassische Entwicklung bisher wirtschaftlich unverhältnismäßig gewesen wäre. Mit steigender Kritikalität von Daten und Prozessen müssen jedoch professionelle Prüf- und Governance-Strukturen hinzukommen.
Quellen und Evidenzeinordnung
A – Primärquelle: OpenAI, „Introducing OpenAI“, 2015. OpenAI führt Andrej Karpathy dort als eines der Gründungsmitglieder auf.
A – Primärquelle: Andrej Karpathy, biografische Angaben. Karpathy beschreibt sich selbst als ehemaliges Gründungsmitglied und Research Scientist bei OpenAI.
A – Primärquelle: OpenAI, Codex / Software Engineering. Beschreibung heutiger Codex-Fähigkeiten einschließlich Planung von Änderungen, Codeerzeugung, Tests und Vorbereitung von Pull Requests.
A – Primärquelle: OpenAI, „Running Codex safely at OpenAI“, 8. Mai 2026. Informationen zu technischen Grenzen, Freigaben, Zugriffen und Telemetrie beim Einsatz von Coding-Agenten.
A – Primärquelle: Anthropic, Claude Code. Beschreibung eines agentischen Coding-Systems, das Codebasen liest, Änderungen über mehrere Dateien hinweg ausführt und Tests startet.
A – Forschung des Anbieters: Anthropic, „Agentic coding and persistent returns to expertise“, 16. Juni 2026. Datenschutzwahrende Analyse von rund 400.000 Claude-Code-Sitzungen aus dem Zeitraum Oktober 2025 bis April 2026. Die Untersuchung zeigt unter anderem, dass Menschen typischerweise einen größeren Anteil der Planungsentscheidungen übernehmen, während Claude einen größeren Anteil der Ausführungsentscheidungen übernimmt. Aufgrund der Anbieterherkunft ist die Untersuchung nicht wie eine vollständig unabhängige Evaluation einzuordnen.
B – Erhebungsquelle: Stack Overflow Developer Survey 2025. 84 Prozent der Befragten nutzen KI-Werkzeuge oder planen deren Nutzung. 46 Prozent misstrauen der Genauigkeit von KI-Ausgaben eher, 33 Prozent vertrauen ihr. 66 Prozent nennen beinahe richtige, aber nicht vollständig korrekte KI-Lösungen als häufige Frustration.
B – Wissenschaftlicher Preprint: Sarkar/Drosos, „Vibe coding: programming through conversation with artificial intelligence“, 2025. Empirische Untersuchung von Vibe-Coding-Arbeitsweisen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Expertise nicht verschwindet, sondern sich unter anderem in Richtung Bewertung, Kontextsteuerung und Entscheidungen über die weitere Bearbeitung von KI-generiertem Code verlagert.
B – Wissenschaftlicher Preprint: Pimenova et al., „Good Vibrations?“, 2025. Qualitative Untersuchung von Vibe Coding mit beobachteten Herausforderungen unter anderem bei Spezifikation, Zuverlässigkeit, Debugging, Code-Review und Zusammenarbeit.
B – Wissenschaftlicher Preprint: Gama et al., „Can you feel the vibes?: An exploration of novice programmer engagement with vibe coding“, 2025. Untersuchung eines eintägigen Vibe-Coding-Hackathons mit 31 Studierenden aus technischen und nichttechnischen Fachrichtungen. Die Studie dokumentiert schnelles Prototyping und funktionierende Demonstrationen, weist zugleich aber auf Unterschiede bei der Codequalität und eine begrenzte Beschäftigung mit klassischen Software-Engineering-Praktiken hin.
A – Primärquelle mit institutioneller Einordnung: Google Cloud / DORA, „2025 State of AI-assisted Software Development“. DORA ordnet erfolgreiche KI-Einführung in der Softwareentwicklung ausdrücklich als System- und Organisationsfrage und nicht ausschließlich als Werkzeugfrage ein. Da die Veröffentlichung über Google Cloud erfolgt, sollte die institutionelle Einbettung bei der Bewertung der Quelle berücksichtigt werden.
C – Fachliche Einordnung: Die Begriffe „individuelle Mikrosoftware“, die Übertragung auf typische mittelständische Prozesse sowie die vorgeschlagene risikobasierte Governance sind strategische Einordnungen des Autors und keine unmittelbar aus einer einzelnen Studie abgeleiteten Tatsachenbehauptungen.
D – Prognose: Die Erwartung, dass natürliche Sprache eine immer wichtigere Steuerungsebene der Softwareentwicklung wird und sich menschliche Arbeit stärker in Richtung Spezifikation, Architektur und Kontrolle verschiebt, ist eine strategische Prognose. Die dargestellten Produktentwicklungen und Forschungsbefunde stützen diese Richtung, beweisen aber nicht ihren endgültigen Verlauf.
Fachartikel von Mike Winter, Gründer von Off Sence AI



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