Projektmanagement wird gerade neu gedacht. Wer heute noch ausbildet wie gestern, bereitet auf eine Arbeitswelt vor, die es so nicht mehr gibt.
Wasserfall, PRINCE2®, PMI®, IPMA®, Scrum® & Co. wurden für eine Arbeitswelt entwickelt, in der es keine generative KI gab. Ihre Grundprinzipien bleiben wertvoll – ihre Anwendung muss sich jedoch an neue technologische Möglichkeiten anpassen.
Kaum ein Berufsfeld bleibt derzeit von Künstlicher Intelligenz unberührt. Das gilt auch für das Projektmanagement. Dennoch orientieren sich viele Aus- und Weiterbildungen noch überwiegend an Methoden und Arbeitsweisen, die in einer Zeit entstanden sind, in der Projektpläne, Statusberichte, Protokolle, Risikoanalysen oder Terminpläne vollständig manuell erstellt und gepflegt wurden.
Das bedeutet nicht, dass diese Methoden überholt sind. Im Gegenteil: Die Grundprinzipien professionellen Projektmanagements – klare Ziele, definierte Verantwortlichkeiten, Risikomanagement, Governance, Stakeholdermanagement und transparente Entscheidungen – bleiben unverzichtbar. Genau darauf bauen Wasserfallmodelle, PRINCE2®, PMI®, IPMA® oder Scrum® bis heute auf.
Was sich jedoch verändert, ist die Art und Weise, wie Projektarbeit vorbereitet und unterstützt wird.
Diese Entwicklung wird inzwischen auch von den maßgeblichen Fachorganisationen bestätigt. Das **Project Management Institute (PMI)** hat 2026 erstmals den internationalen Standard **„The Standard for Artificial Intelligence in Portfolio, Program and Project Management“** veröffentlicht. Bereits diese Veröffentlichung zeigt, dass der Einsatz von KI nicht mehr als Zukunftsthema betrachtet wird, sondern als Bestandteil professioneller Projektarbeit. Gleichzeitig betont das PMI, dass Verantwortung, Governance, Transparenz, ethische Grundsätze und menschliches Urteilsvermögen zentrale Voraussetzungen für den sinnvollen Einsatz von KI bleiben. Besonders hervorgehoben wird das Prinzip des **„Human in the Loop“**: KI soll Entscheidungen unterstützen, nicht die Verantwortung des Menschen ersetzen.
Auch die **OECD** kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. In mehreren aktuellen Veröffentlichungen fordert sie Bildungseinrichtungen dazu auf, Ausbildungsinhalte an eine Arbeitswelt anzupassen, in der KI zunehmend kognitive Routineaufgaben übernimmt. Nach Auffassung der OECD gewinnen dadurch Kompetenzen wie kritisches Denken, Urteilsvermögen, Datenkompetenz sowie der verantwortungsvolle Umgang mit KI weiter an Bedeutung.
Vor diesem Hintergrund stellt sich aus meiner Sicht eine berechtigte Frage: Bereiten unsere heutigen Ausbildungen Projektmanagerinnen und Projektmanager bereits ausreichend auf diese neue Realität vor?
Viele etablierte Ausbildungsprogramme vermitteln selbstverständlich bewährte Methoden und Standards. Gleichzeitig verändern moderne KI-Werkzeuge bereits heute zahlreiche Arbeitsschritte im Projektalltag. Generative KI kann beispielsweise erste Projektpläne entwerfen, Risiken strukturieren, Statusberichte vorbereiten, Besprechungen zusammenfassen oder unterschiedliche Planungsszenarien gegenüberstellen. Diese Möglichkeiten ersetzen weder Erfahrung noch Verantwortung. Sie verändern jedoch den Arbeitsprozess erheblich.
Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt der Projektarbeit. Während früher ein großer Teil der Zeit für das Erstellen, Zusammenführen und Dokumentieren von Informationen aufgewendet wurde, rücken heute andere Fähigkeiten stärker in den Mittelpunkt: Ergebnisse kritisch bewerten, Quellen prüfen, Risiken erkennen, unterschiedliche Handlungsoptionen abwägen und Entscheidungen nachvollziehbar treffen. Und auch der Mensch kann dadurch wieder stärker in den Fokus rücken.
Genau darin sehe ich die eigentliche Herausforderung für die Ausbildung.
Es reicht aus meiner Sicht nicht mehr aus, klassische Projektmanagementmethoden unverändert zu vermitteln und Künstliche Intelligenz lediglich als zusätzliches Unterrichtsthema anzuhängen. Vielmehr sollte KI integraler Bestandteil der Ausbildung werden. Künftige Projektmanager sollten lernen, wann und wie KI sinnvoll eingesetzt werden kann, wie KI-Ergebnisse kritisch überprüft werden, welche Grenzen solche Systeme haben und welche Verantwortung trotz aller technologischen Unterstützung immer beim Menschen verbleibt.
Die eigentliche Kompetenz der Zukunft wird deshalb nicht darin bestehen, jede Projektunterlage selbst zu erstellen. Entscheidend wird sein, die Qualität KI-gestützter Ergebnisse beurteilen, Risiken erkennen, unterschiedliche Perspektiven einordnen und auf dieser Grundlage verantwortbare Entscheidungen treffen zu können.
Ich bin deshalb überzeugt, dass wir derzeit nicht das Ende des Projektmanagements erleben. Wir erleben seine Weiterentwicklung.
Die bewährten Methoden bleiben bestehen. Ihre Anwendung verändert sich jedoch grundlegend.
Projektmanagement entwickelt sich vom Organisieren von Informationen hin zum Orchestrieren von Entscheidungen – unterstützt durch Künstliche Intelligenz, verantwortet durch den Menschen.
Wenn das zutrifft, dann sollte sich nicht nur die Projektarbeit verändern. Dann muss sich auch die Ausbildung weiterentwickeln. Nicht, weil klassische Methoden falsch geworden wären. Sondern weil sich die Arbeitswelt verändert hat.
Mein Vorschlag: Nicht die Methoden abschaffen, sondern ihre Anwendung konsequent neu gestalten
Aus meiner Sicht besteht die richtige Antwort nicht darin, bewährte Projektmanagementmethoden abzuschaffen. Wasserfall, PRINCE2®, PMI®, IPMA® und Scrum® enthalten weiterhin tragfähige Prinzipien für Zielklärung, Verantwortlichkeiten, Risikosteuerung, Qualitätssicherung, Zusammenarbeit und Entscheidungsprozesse.
Neu gestaltet werden muss jedoch die konkrete Anwendung dieser Methoden unter den Bedingungen einer KI-gestützten Arbeitswelt. In einem Wasserfallprojekt sollte Künstliche Intelligenz beispielsweise nicht nur zur schnelleren Erstellung von Plänen und Dokumentationen eingesetzt werden, sondern auch zur Prüfung von Abhängigkeiten, zur Simulation möglicher Auswirkungen und zur laufenden Aktualisierung von Risiken.
Bei PRINCE2® betrifft die Weiterentwicklung vor allem den Business Case, die Entscheidungsunterlagen und die Governance: Es muss eindeutig geregelt sein, für welche Aufgaben KI eingesetzt werden darf, auf welchen Daten ihre Ergebnisse beruhen, wie diese geprüft werden und wer die Verantwortung für daraus abgeleitete Entscheidungen trägt.
Im PMI- und PMBOK®-Umfeld sollten KI-Kompetenz, Datenqualität, Quellenprüfung, Nachvollziehbarkeit und Human-in-the-Loop-Verfahren nicht als Zusatzwissen behandelt werden, sondern als integraler Bestandteil professioneller Projektarbeit. Auch das Kompetenzmodell der IPMA® sollte aus meiner Sicht stärker berücksichtigen, dass Projektverantwortliche künftig nicht nur Menschen, Prozesse und Interessen koordinieren, sondern auch KI-Systeme fachlich einordnen, steuern und kontrollieren müssen.
In Scrum® wiederum sollte KI weder als unsichtbare Automatisierung noch vorschnell als eigenständiges Teammitglied verstanden werden. Sie ist zunächst ein leistungsfähiges Assistenzsystem, das bei der Vorbereitung von Backlogs, User Stories, Akzeptanzkriterien, Tests, Analysen und Retrospektiven unterstützen kann. Die Verantwortung für Produktentscheidungen, Prioritäten, Qualität und Zusammenarbeit verbleibt jedoch bei den definierten Rollen und beim Team.
Mein Vorschlag lautet deshalb, KI nicht in einem isolierten Zusatzmodul am Ende einer Ausbildung zu behandeln. Jeder relevante Bestandteil des Projektmanagements sollte neu betrachtet werden: Projektauftrag, Zieldefinition, Planung, Ressourcensteuerung, Risiko- und Qualitätsmanagement, Kommunikation, Controlling, Entscheidungsfindung und Projektabschluss. Zu jedem dieser Bereiche sollten Projektverantwortliche lernen, welche Aufgaben sinnvoll durch KI unterstützt werden können, welche Daten dafür erforderlich sind, wie Ergebnisse geprüft werden müssen, welche Risiken entstehen und an welcher Stelle eine menschliche Entscheidung zwingend erforderlich bleibt.
Die entscheidende Kompetenz der Zukunft besteht damit nicht allein darin, KI bedienen zu können. Sie besteht darin, ihren Einsatz fachlich sinnvoll zu begrenzen, ihre Ergebnisse kritisch zu bewerten und die Verantwortung für das Gesamtsystem aus Menschen, Methoden, Daten und Technologie zu übernehmen. Genau darin liegt aus meiner Sicht die notwendige Weiterentwicklung des Projektmanagements.
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**Quellen**
* Project Management Institute (PMI): *The Standard for Artificial Intelligence in Portfolio, Program and Project Management* (2026). https://www.pmi.org/standards/artificial-intelligence
* Project Management Institute (PMI): Informationen zum AI-Standard und dessen Leitprinzipien. https://www.pmi.org/standards/artificial-intelligence
* OECD (2025): *What should teachers teach and students learn in a future of powerful AI?* https://www.oecd.org/en/publications/what-should-teachers-teach-and-students-learn-in-a-future-of-powerful-ai_ca56c7d6-en.html
* OECD (2026): *AI and Skills – What we know so far.* https://www.oecd.org/en/publications/ai-and-skills_f843b352-en/
Ein Kurzbericht von Mike Winter | Owner of Off Sence AI



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